Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Gendarmenmarkt
Berlin, 22. + 23. November 2002

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Das Hochschulwesen in China
von Dr. Andreas Guder* , 28. Oktober 2002

 Historischer Rückblick

Seit Jahrhunderten stellt China eine der bedeutendsten intellektuellen Herausforderungen der westlichen Welt dar. Diese Jahrtausende alte Hochkultur, die nicht nur in ihren historischen und geographischen Dimensionen, sondern auch durch ihre schiere Menschenmenge alle anderen Kulturen in den Schatten stellt, blieb Anziehungspunkt für Geistliche, Forscher und Abenteurer. Was Jesuiten, Missionare und Kaufleute dort sahen und entdeckten und worüber sie berichteten - seien es nun Seidenraupenzucht oder Volkszählungen, Porzellantechnik, Naturphilosophie, Pockenimpfung oder das Beamtenprüfungssystem - Anregungen aus China haben nicht nur die westlichen Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften, sondern auch die Geschichte der Technik in erheblichem Maße beeinflusst. Der Aufklärung galt China sogar als Vorbild für einen aufgeklärten, vernunftgelenkten Staat.

Nie gelang es den europäischen Seemächten, das chinesische Binnenland zu kolonialisieren. Mit der Industrialisierung und dem Siegeszug der systematischen Naturwissenschaften setzte sich die atlantische Welt an die Spitze der weltweiten technisch-wissenschaftlichen Entwicklung

Dabei hatte das Lernen seit Jahrtausenden im Vordergrund der chinesischen Geistesgeschichte gestanden. Intellektuelle Fähigkeiten und die Schriftkenntnisse waren so hoch bewertet, dass allein sie jungen Leuten aus der Provinz den Aufstieg in den kaiserlichen Macht- und Verwaltungsapparat ebnen konnten. Dabei ist Bildung im Sinne von Wissensaneignung auf Grund der Komplexität der chinesischen Schriftzeichen bis heute schwerer zu erreichen als in alphabetisierten Schriftkulturen. Lesen lernen ist hier eine lebenslange Übung - denn wer nicht regelmäßig liest, vergisst schnell die Bedeutungen der weniger gebräuchlichen Schriftzeichen.

Auch dürfte die vollkommene Andersartigkeit der chinesischen Schrift mit dazu beigetragen haben, dass China innovativen Impulsen aus dem Westen gegenüber zu lange verschlossen blieb und deshalb den europäischen Kolonialisierungsbestrebungen im 19. Jahrhundert auch militärisch wenig entgegenzusetzen hatte.

Erst in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts öffnete sich das Bildungswesen unter dem Eindruck der technischen Überlegenheit der europäischen Industrienationen den empirischen Wissenschaften. In den beiden Jahrzehnten vor und nach 1900 wurden in allen größeren Städten des Landes Hochschulen gegründet, darunter die bis heute renommiertesten Institute wie die Jiaotong-Universität Shanghai (1896), die Zhejiang-Universität in Hangzhou (1897), die Peking Universität (1898), die Fudan-Universität in Shanghai (1905) und die Tongji-Universität in Shanghai (1907). Als Zentrum der chinesischen Reformbewegung etablierte sich die 1898 gegründete Peking-Universität.

Mit der Zeit der Bürgerkriege, also nach 1916, begann China in einem 30-jährigen Chaos zu versinken, das auch für den weiteren Ausbau des Erziehungswesens einen Stillstand bedeutete. Sich bekriegende Provinzfürsten (die sogenannten "Warlords"), die japanische Besetzung großer Teile Chinas in den 30er Jahren und der folgende Bürgerkrieg zwischen Maos Kommunisten und der Guomindang Chiang Kai-sheks hielten das Land in Atem.

In den Jahren nach der Gründung der Volksrepublik China 1949 konzentrierte sich die Kommunistische Partei Chinas zunächst auf die Bekämpfung der Illiteralität (von Analphabetismus kann man - mangels Buchstaben - hier nicht sprechen) und entsprechend auf den Aufbau von Grund- und Mittelschulen. 80% der Bevölkerung konnten im Jahr 1949 weder lesen noch schreiben, heute sind es weniger als 20%.

Ebenfalls gefördert wurden die Hochschulen. Sie wurden jedoch zugleich - gewissermaßen als Brutstätten intellektueller Kritik - zunächst auch argwöhnisch beobachtet. Dies verschärfte sich 1966 mit Beginn der Kulturrevolution, die zur vorübergehenden Totalauflösung der Hochschulen führte. Intellektuelle wurden zur Landarbeit in entlegene Provinzen geschickt, der gesamte Bildungssektor brach zusammen und wurde erst ab 1972 allmählich wieder aufgebaut. China leidet heute noch an den Folgen dieser Zeit, denn die heute 50 bis 60 Jahre alten "Roten Garden", die nie eine höhere Schulbildung erhielten, sind zum Teil noch in den Führungsebenen anzutreffen - auch in den Hochschulen.

Der Generationswechsel hat jedoch längst begonnen: Immer mehr leistungsorientierte und fließend Englisch sprechende Wissenschaftler gelangen - oft nach einer Promotion im Ausland - innerhalb der Universitäten in leitende Positionen und werden in den kommenden Jahren und Jahrzehnten dafür sorgen, dass die chinesische Forschung internationales Spitzenniveau erreicht. In einigen Forschungsbereichen wie z.B. den Biowissenschaften hat China schon heute in die Spitzengruppe aufgeschlossen.

Eckdatenvergleich

  Fläche in km² Einwohner Studierende Studierende in % der Bevölkerung
VR China 9.573.000 1.300.000.000 6.000.000 0,46 %
USA 9.159.000 280.000.000 15.000.000 5,36%
Deutschland 346.000 80.000.000 1.800.000 2.25 %

Die aktuelle chinesische Hochschullandschaft

China zählt derzeit rund 1000 staatliche Hochschulen, von denen ca. 70 - die sogenannten Key-Universities - dem Bildungsministerium direkt unterstellt sind. Neben 79 "comprehensive universities" mit einem Angebot, das alle wichtigen Fächer abdeckt, gibt es ca. 280 naturwissenschaftlich-technische Hochschulen, 232 pädagogische Hochschulen ("Normal University"), außerdem landwirtschaftliche, wirtschaftswissenschaftliche, medizinische sowie Hunderte weitere fachspezifische Hochschulen.

Üblicherweise sind die Studiengänge 4-jährig und schließen mit einem Bachelor (xueshi) ab, an den sich - wiederum nach Zugangsprüfungen - ein im Allgemeinen dreijähriges Master(shuoshi)-studium (ca. 5% der Studierenden) und auch eine Promotion (boshi, ca. 1%) anschließen kann. Das Studienjahr gliedert sich in ein Wintersemester (ca. 1. September bis 20. Januar) und ein Sommersemester (ca. 20. Februar bis 15.Juli).

Daten der Hochschulen VR China 2000

Studienplatzbewerber 4.530.000
Studienanfänger 2.206.000
Absolventen 950.000
Gesamtzahl der Studierenden anWissenschaftlichen Hochschulen 5.560.900
Magisterstudierende 233.000
Doktoranden 67.000
Gesamtzahl der Hochschullehrer 460.000
Davon ordentliche Professoren 44.000
Quelle: DAAD - Berichte der Außenstellen 2001

Chinas Hochschulen sind grundsätzlich Campusuniversitäten. Läden, Ämter, eigenes Krankenhaus und Wohnheime befinden sich auf dem Hochschulgelände. Erst in jüngster Zeit versucht man, den damit verbundenen Verwaltungsaufwand zu reduzieren und Teile der Hochschulen auszulagern. Viele Universitäten ziehen auch aus Platzmangel mit einzelnen Fachbereichen oder Jahrgängen aus den Städten auf die grüne Wiese außerhalb der Stadt.

Besonders erwähnt werden muss an dieser Stelle das 1996 im Nationalen Volkskongress verabschiedete "Projekt 211 - 100 Hochschulen für das 21. Jahrhundert". Ziel dieses Projektes ist es, an ausgewählten Hochschulen und Zentren für Schlüsselwissenschaften das wissenschaftliche Niveau und die Qualität der Ausbildung so anzuheben, dass sie im 21. Jahrhundert international mit den besten Forschungsinstitutionen der Welt konkurrieren können.

Als Vorbild für die Entwicklung der chinesischen Hochschulen wurde das System der Harvard-Universität definiert. Die Professorenlaufbahn steht nur noch Wissenschaftlern mit ausgezeichneten Englischkenntnissen offen. Abgewanderte Spitzenwissenschaftler werden mit hohen Gehältern aus dem Ausland zurück gelockt. Die massiven Investitionen in die Baulichkeiten und Ausstattung der chinesischen Spitzenhochschulen werden gerade von deutschen Akademikern als beneidenswert empfunden.

Die Diskussion über dieses Projekt hat bei Universitäten und Forschungseinrichtungen Chinas einen produktiven Wettbewerb ausgelöst. Eine Liste der 211-Hochschulen, die in diesem Sinne besonders mit öffentlichen Mitteln gefördert werden, findet sich auf der Homepage www.daad.org.cn/germanindex.htm.

Chinas aktuelle Hochschulmodernisierung umfasst jedoch auch eine Dezentralisierung sowie Aspekte der Privatisierung. Die Hochschulen sind zum großen Teil den Provinzregierungen unterstellt worden, werden zu wirtschaftlichem Handeln angehalten und müssen sich konkurrierend um Nebeneinnahmen und Drittmittel bemühen.

Schon heute studieren annähernd 200.000 Chinesen in den USA, und nicht nur Jürgen Habermas spricht vom "Siegeszug der Asiaten durch Amerikas Universitäten". Auch die deutsche Bundesregierung hat die Absicht, die jungen Bildungseliten aus Asien mit attraktiven Angeboten nach Deutschland zu locken. Junge chinesische, bereits promovierte Wissenschaftler stellen die größte Stipendiatengruppe der Alexander von Humboldt-Stiftung. Nach dem Stipendium stehen ihnen häufig Schlüsselpositionen an chinesischen Universitäten offen.

Mit ca. 10.000 Studenten stellten die Chinesen im Jahr 2001 erstmals die größte Gruppe der Bildungsausländer in Deutschland. Weit über 100 deutsch-chinesische Hochschulpartnerschaften sind in den letzten zwei Jahrzehnten entstanden, die übergreifend oder fachbezogen einen regen Austausch pflegen. Als besonders bedeutsame Projekte sollen hier das Chinesisch-Deutsche Hochschulkolleg (CDHK) an der Tongji-Universität in Shanghai sowie die gemeinsamen Masterstudiengänge der RWTH Aachen mit der renommiertesten technischen Universität Chinas, der Tsinghua-Universität in Peking, genannt sein.

In den Fächern "Produktionsverfahren und Kraftfahrwesen können im Rahmen des chinesisch-deutschen Hochschulprojekts "Gemeinsam studieren - Gemeinsam forschen" deutsche Studierende an der Tsinghua-Universität in Peking und Studierende an der RWTH Aachen in gemeinsamen Masterstudiengängen studieren und einen Doppelabschluss der beiden Hochschulen erhalten. Das 2001 gestartete Projekt zählt zu den ersten Doppelabschlussprogrammen zwischen einer chinesischen und einer nicht-chinesischen Hochschule, die englischsprachigen Unterrichtsmodule befinden sich noch in der Erprobungsphase. Auch andere Hochschulen, darunter die Tongji-Universität Shanghai, entwickeln derartige Master- und Doktorstudiengänge in englischer Sprache.

Um in chinesischer Sprache substanziell am Unterricht teilnehmen zu können, ist ein mindestens einjähriges intensives Sprachstudium erforderlich, an dessen Ende der "Chinese Language Proficiency Test" (HSK-Prüfung) steht. Spätestens wenn es darum geht, eigene schriftliche Arbeiten zu verfassen, wird aber jeder Auslandsstudent auf das Englische ausweichen müssen. Die derzeit stark geförderte "Anglisierung" des Lehr- und Forschungsbetriebs ist deshalb eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine internationale Vernetzung chinesischer Hochschulen und Forschungseinrichtungen.

Dieser Artikel als PDF-Datei zum Download.

*) Dr. Andreas Guder studierte in München und Peking Sinologie, Deutsch als Fremdsprache, Linguistik und Interkulturelle Kommunikation und arbeitete von 1998 bis 2002 als Lektor des DAAD am Beijing Institute of Technology und an der Pekinger Außenstelle des DAAD.

 

  Veranstalter CSCSE China Service Center for Scholarly Exchange
in Kooperation mit Humboldt-Universität zu Berlin
Schirmherrschaft Bildungsministerium der Volksrepublik China


Konzept und Realisierung
IFS Studies International, Bonn - Berlin - Beijing
in Kooperation mit INSIDE A - Asien Netzwerk, Berlin

    

 


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